Einer von uns:
Pastor Roland Winkelmann
Quelle:
WAZ-Süd vom 20.12.2008


Jedes Jahr dasselbe
20.12.2008 /
Lokales
Der schönste Moment an
Heilig Abend: Wenn die Anspannung fort ist, weil die Christmette geschafft ist.
Illustration: Michael Holtschulte Von Roland Winkelmann
Nein, ich will jetzt nicht in den Chor derer einstimmen, die jedes Jahr aufs
Neue kritisieren, dass die Adventszeit, die Vorweihnachtszeit, für viele schon
zur Weihnachtszeit umfunktioniert worden ist, dass Handel und Kommerz seltsame
Blüten treiben, dass aufgrund von Hektik und Geschenke-Stress von innerer
Vorbereitung nicht viel zu spüren ist.
Bei aller berechtigten Kritik muss ich ehrlich sagen, dass ich den Advent, so
wie er ist, auch genieße. Es ist schön, mit Freunden über den Weihnachtsmarkt zu
schlendern, sich an den Ständen mit ihren Auslagen zu erfreuen, sich bei einer
Pause mit einer Tasse Glühwein oder Eierpunsch aufzuwärmen. Es macht Freude, bei
einer Adventsfeier (oft auch vorauseilend Weihnachtsfeier genannt) Geschichten
zu hören und Lieder zu singen, auch wenn manchmal schon das eine oder andere
Weihnachtslied dazwischenrutscht.
Jedes Jahr dasselbe!
Je näher das Weihnachtsfest heranrückt, umso unruhiger werde ich und umso größer
wird mein innerer Druck.
Am Heiligen Abend und den darauffolgenden Feiertagen werden die Kirchen wieder
einmal voll sein, werden viele Menschen, die sonst keine regelmäßigen
Kirchgänger sind, die Gottesdienste mitfeiern.
Den Allermeisten wird es wirklich ein echtes Bedürfnis sein, Weihnachten nicht
ohne Gottesdienst zu feiern; vielleicht spüren sie ja, dass das Eigentliche des
Weihnachtsfestes hier in der Kirche zu finden ist, die eigentliche
Weihnachtsbotschaft hier in der Kirche verkündet wird.
Darum heiße ich jeden willkommen und freue mich über jeden, der da kommt. Es ist
doch auch schön, mal wieder „ein volles Haus" zu haben.
Aber jedes Jahr stellt sich mir die bange Frage: Werde ich es schaffen, diese
Menschen, die mit den unterschiedlichsten Erwartungen, Hoffnungen und
Enttäuschungen kommen, mit der Weihnachtsbotschaft anzusprechen? Werden Sie vom
festlichen Gottesdienst angerührt? Finde ich Worte, die ihnen zu Herzen gehen
und die sie mitnehmen können in ihren Alltag?
Diese Anspannung hält an, bis dann an Heiligabend der Gottesdienst beginnt.
Jetzt ist alles zu spät, jetzt kann ich mich nur dem Ablauf der Liturgie
überlassen und hoffen, dass Zeit, Gedanken und Aufwand, die ich investiert habe,
sich auch gelohnt haben.
Wie schön ist es, wenn nach der Christmette dann einige kommen und sich für den
festlichen Gottesdienst, die ansprechende Predigt bedanken.
Wie schön ist es, dann einander Frohe Weihnachten zu wünschen.
Jetzt spüre ich: Ja, ich habe es doch geschafft, den einen oder anderen
anzusprechen und in ihm das Weihnachtsgeheimnis zum Klingen zu bringen, das
Geheimnis von der Liebe Gottes zu uns Menschen, die sich in dem neugeborenen
Kind in der Krippe zeigt.
Jetzt kann es auch für mich Weihnachten werden; jetzt kann ich zur Ruhe kommen.
Wenn alles vorbei ist und alle gegangen sind, dann ist es kurz nach 23 Uhr.
Ich gehe in meine Wohnung, entzünde die Kerzen am Tannenbaum und lege eine CD
mit weihnachtlicher Festmusik ein. Dann öffne ich eine Flasche guten Wein und
bei einem Glas lese ich noch ein wenig, aber nichts Frommes, sondern etwas
Spannendes.
Das ist für mich der schönste Moment dieses Tages: der Heilige Abend ist
geschafft, alle Anspannung ist von mir abgefallen.
Weihnachten: das Fest der Liebe Gottes im Kind von Bethlehem. Ich freue mich
jedes Jahr aufs Neue, dass ich diese so alte und doch immer wieder so junge
Botschaft den Menschen verkünden darf.
Ich wünsche allen Leserinnen und Lesern mit Worten des großen Theologen Karl
Rahner ein frohes und gesegnetes Weihnachtsfest:
„Ich bin deine Freude. Fürchte dich also nicht, froh zu sein! Ich bin in deiner
Not, denn ich habe sie selbst erlitten. Ich bin in deinem Tod, denn heute, als
ich geboren wurde, begann ich mit dir zu sterben.
Ich gehe nicht mehr weg von dir. Was immer dir geschieht, durch welches Dunkel
dein Weg dich auch führen mag – glaube, dass ich da bin! Glaube, dass meine
Liebe unbesiegbar ist! Dann ist auch für dich Weihnacht. Dann ist auch deine
Nacht Heilige Nacht. Dann zünde getrost die Kerzen an – sie haben mehr recht als
alle Finsternis!" Pastor Roland Winkelmann.
Foto: Jürgen Metzendorf
Zur Person
20.12.2008 /
Lokales
Pastor Roland Winkelmann (44) stammt aus Laar und studierte nach dem Abitur 1983 Theologie in Bochum. Stationen als Kaplan waren ab 1990 Essen-Burgaltendorf und Gladbeck-Brauck. 1997 wurde er Pfarrer in Wanheimerort. 2001 wechselte er nach Mündelheim.