Produktionsabfall Quecksilber
Quelle: Coordination gegen BAYER-Gefahren
www.CBGnetwork.org
Die Bayer AG hat gestern angekündigt, ihre veraltete
Chlor-Produktion in Krefeld „ab Ende 2010 herunterzufahren“ und
eine modernere Anlage zu bauen. Bayer gehört zu den letzten Chlor-Produzenten,
die noch das veraltete Amalgam-Verfahren einsetzen, bei dem hochgefährliches
Quecksilber emittiert wird. Lesen Sie hierzu einen Artikel von Florian Noto vom Deutschen Naturschutzring aus der aktuellen
Ausgabe von STICHWORT BAYER (Probeheft hier
anfordern).
Produktionsabfall
Quecksilber
Chlor ist das Fundament der chemischen
Industrie. Bei seiner Herstellung fällt allerdings viel giftiges Quecksilber
an, wenn man noch wie BAYER auf Produktionsmethoden aus dem 19. Jahrhundert
zurückgreift. Während viele mittelständische Betriebe schon länger auf das
Membran-Verfahren setzen, ist die beste verfügbare Technik beim Leverkusener
Multi immer noch nicht ganz angekommen.
Das Verfahren zur Herstellung von
Chlor ist nicht sonderlich komplex: Durch Salzwasser wird Strom geleitet, dabei
entstehen Chlorgas, Wasserstoff und Natriumhydroxid.
Für diese sogenannte Chlor-Alkali-Elektrolyse gibt es im Wesentlichen drei
Verfahren. In US-amerikanischen Anlagen wird die chemische Reaktion zumeist
durch eine durchlässige Asbest-Wand ausgelöst, in Europa kommt häufig das
Amalgam-Verfahren mit Quecksilber zur Anwendung. Beide Techniken stammen aus
dem 19. Jahrhundert. In Japan dagegen ist fast nur noch die modernere
Membran-Methode im Einsatz, die in den 1960er Jahren entwickelt wurde und heute
als "beste verfügbare Technik" gilt. Auch die EU empfiehlt die
Umstellung alter Chlorwerke auf die Membran-Technologie, da so kein giftiges
Quecksilber oder Asbest freigesetzt und weniger Energie benötigt wird, und
bietet den Behörden und den Unternehmen umfangreiche Informationen zu dieser
Elektrolyse-Art an.
Subventionspoker
Die Industrie erkennt ebenfalls die
Vorteile des Membranverfahrens an. Der "Verband
der Chemischen Industrie" (VCI) schreibt in einem Positionspapier, dass
das Membranverfahren 20 bis 30 Prozent weniger Energie benötigt als die veraltete
Quecksilbertechnik. Da der hohe Energieverbrauch großen Einfluss auf die
Produktionskosten hat, lohnt sich die Umstellung auf die beste verfügbare
Technik also auch wirtschaftlich. Die mittelständischen Chlorhersteller haben
in den letzten Jahren ihre Anlagen zukunftsfähig umgerüstet. Doch noch sind in
Deutschland sechs alte Chlorwerke in Betrieb, die Energie verschwenden und die
Umwelt mit jeweils über 100 Kilogramm Quecksilber pro Jahr vergiften - mehr von
diesem Schwermetall wird in Deutschland nur noch bei der Kohleverbrennung
emittiert. Die Betreiber der restlichen sechs Quecksilberschleudern sind
multinationale Chemiekonzerne, die zu den größten der Branche gehören: BAYER
hat ein Chlor-Alkali-Werk in Krefeld-Uerdingen, BASF eines in Ludwigshafen,
EVONIK eines in Niederkassel-Lülsdorf, INEOS eines in
Wilhelmshaven, und AKZO NOBEL hat an den Standorten Ibbenbüren und Frankfurt
sogar zwei Anlagen laufen.
Die Konzerne können es sich offenbar
leisten, Investitionen hinauszuzögern. Sie drohen mit Werksschließungen und
fordern Subventionen für die Modernisierung der Anlagen. Statt den
Energieverbrauch zu senken, betreibt die Chemiebranche massive Lobbyarbeit, um
vom Handel mit Klima-Emissionsrechten ausgenommen zu werden. Die
Verzögerungstaktik führt schließlich zu einem absehbaren Bruch von
internationalen Vereinbarungen. Schon 1990 hatten die Anrainerstaaten der
Nordsee und des Nordost-Atlantik entschieden, alle Chlorwerke mit dem
Quecksilberverfahren so schnell wie möglich umzurüsten oder zu schließen.
Spätestens im Jahr 2010 sollte keine dieser Anlage mehr laufen. Diese
Vereinbarung ist heute nicht mehr einzuhalten. Sie wurde von den europäischen
Chemiekonzernen schon dadurch bewusst umgangen, dass die Betreiber von
Chlorfabriken sich selbst "verpflichtet" haben, ihre Anlagen erst bis
zum Jahr 2020 quecksilberfrei zu machen.
Streng vertraulich
Die OSPAR, eine staaten-übergreifende
Organisation zum Schutz der nördlichen Meere, veröffentlicht jährlich die
Quecksilber-Einleitungen aller Chlorwerke in den Nordost-Atlantik und die
Nordsee. Die Daten erhält die Institution von Betreibern der Anlagen. BAYER
machte allerdings falsche Angaben, vollständig auf die Membran-Technik
umgestellt ist die Anlage in Uerdingen nämlich keineswegs. Der Leverkusener Multi
fährt zweigleisig: Neben "dem bei BAYER seit vielen Jahren etablierten Diaphragma-Prozess", wie es in einer
Konzern-Veröffentlichung heißt, kommt auch die neuere genannte
Sauerstoffverzehrkathoden-Technologie zur Anwendung.
Die Emissionswerte sind in dem Bericht
für die OSPAR dennoch angegeben und lagen bei 88 kg Quecksilber im Jahr 2006.
Im europäischen Schadstoff-Emissionsregister PRTR hat der Leverkusener Multi
seine Daten gleich ganz schwärzen lassen. Dort sind 196 Betriebe in ganz
Deutschland verzeichnet, die Quecksilber freisetzen. Nur bei einer einzigen
Anlage sind die Daten als vertraulich eingestuft, und es werden weder der
Betreiber noch die Betriebsart oder die genaue Schadstoffbezeichnung genannt.
Durch die Kartenansicht erschließt sich aber, dass es sich hierbei um das Werk
in Krefeld-Uerdingen handelt. Die Emissionen von einem nicht näher bezeichneten
Schwermetall in die Luft sind hier mit 94,9 kg im Jahr 2007 angegeben, dabei
handelt es sich vermutlich um Quecksilber. Die Emissionen in Wasser lassen sich
nicht identifizieren. Hier sind sechs Schadstoffe jeweils mit dem Oberbegriff
"Schwermetall" bezeichnet, die ausgestoßene Menge variiert von 2,4
bis 490 Kilogramm.
Auch in ihrem Nachhaltigkeitsbericht
von 2008 informiert der Global Player nicht über den
tatsächlichen Schadstoff-Ausstoß. Bei den Emissionen in Wasser sind Quecksilber
und andere Stoffe einfach unter dem Begriff "Schwermetalle" subsummiert. Dabei macht es einen großen Unterschied, ob 8
bis 10 Tonnen Blei oder Quecksilber freigesetzt werden, denn Quecksilber ist
für Menschen und Ökosysteme noch einmal viel giftiger als andere Schwermetalle.
Im Wasser wird nämlich elementares Quecksilber von Mikroorganismen zu
organischem Methylquecksilber umgewandelt, und dieses Methylquecksilber gelangt
über die Nahrungskette in große Speisefische und landet so schließlich auf dem
Teller.
Wegen dieser Gesundheitsgefahren haben
sich die UN-Mitgliedsstaaten Anfang des Jahres auf ein Quecksilber-Verbot geeinigt.
Allerdings gilt dieses nur für den Handel. Als Abfallprodukt bleibt es weiter
unbehelligt. Und in Nordrhein-Westfalen noch ein wenig unbehelligter: BAYER
sicherte der Landesregierung eine Verringerung der Quecksilber-Fracht zu und
erhielt dafür eine Verlängerung der Einleitungsgenehmigung.
Ausstieg ist möglich
Immerhin gibt der
Nachhaltigkeitsbericht von BAYER an, dass die Freisetzung von Schwermetallen
seit 2006 jedes Jahr zunimmt! BAYER erklärt dies durch ein "umfassenderes
Abwasserreporting". Eine interessante Erkenntnis: Bis 2008 wurden offenbar
viele Schadstoffe oder Schadstoffquellen nicht erfasst, und die Zahlen waren zu
niedrig. Ob das jetzige Daten-Material der Wahrheit entspricht, weiß nur der
Konzern selber.
BAYER muss die Chlorfabrik in
Uerdingen auf eine moderne Technik umrüsten, bei der keine Energie mehr
verschwendet und kein Quecksilber benötigt wird. Die Genehmigung hierfür hat
BAYER bereits 2004 beantragt und erteilt bekommen - aber bis heute nicht umgesetzt.
Seit 2007 wurden drei alte Chlorwerke in Deutschland von mittelständischen
Unternehmen modernisiert. Nur noch die Konzerne wie BAYER hinken hinterher.
STICHWORT BAYER wird herausgegeben von der
Coordination gegen BAYER-Gefahren
www.CBGnetwork.org
Tel 0211-333 911, Fax 0211-333 940
Fordern Sie per eMail kostenlos weitere Informationen
an.
Unsere Arbeit braucht Spenden.
Überweisen Sie bitte auf GLS-Bank Konto 8016 533 000 / BLZ 430 609 67
BIC/SWIFT Code (Bank Identifier Code): GENODEM1GLS
IBAN (International Bank Account Number):
DE88 4306 0967 8016 5330 00
oder spenden Sie online
Stärken Sie uns den Rücken, werden Sie Fördermitglied.
Beirat
Prof. Dr. Jürgen Rochlitz, Chemiker, ehem. MdB, Burgwald
Dr. Sigrid Müller, Pharmakologin, Bremen
Prof. Dr. Anton Schneider, Baubiologe, Neubeuern
Prof. Rainer Roth, Sozialwissenschaftler, Frankfurt
Prof. Jürgen Junginger, Designer (i.R.), Krefeld
Dr. Erika Abczynski, Kinderärztin, Dormagen
Eva Bulling-Schröter, MdB, Berlin
Dr. Janis Schmelzer, Historiker, Berlin
Wolfram Esche, Rechtsanwalt, Köln