“Konzern-Gier
ist für Bhopal verantwortlich"
2. Dezember 2009
Coordination gegen BAYER-Gefahren
Morgen jährt sich die Katastrophe von
Bhopal, der schwerste Chemie-Unfall der Geschichte, zum 25. Mal. Die Coordination
gegen BAYER-Gefahren sprach zu diesem Anlass mit Rachna Dhingra (32) von
der International Campaign for Justice in Bhopal. Der BAYER-Konzern
betreibt in den USA das "Schwester-Werk" der Anlage von Bhopal, dort
kam es im vergangenen Jahr zu einem schweren Störfall.
Rachna, warum engagieren Sie sich bei
der INTERNATIONAL CAMPAIGN FOR JUSTICE IN BHOPAL?
Jeder Mensch ist durch eine persönliche
Erfahrung motiviert. Für mich war es die Tatsache, dass das Unternehmen, für das ich arbeitete, mehr um seine Profite
besorgt war als um das Wohlergehen der Menschen (Anmerkung: Es handelt sich dabei um
den Konzern DOW CHEMICAL, der 2001 den Bhopal-Betreiber UNION CARBIDE
übernommen hat). Ich kam nach Bhopal, um die Überlebenden bei ihrem Kampf um eine
bessere Gesundheitsfürsorge, um sauberes Trinkwasser und um eine
strafrechtliche Verfolgung der verantwortlichen Personen und Unternehmen zu
unterstützen. Ein Vierteljahrhundert ist eine lange Zeit, um auf Gerechtigkeit
zu warten, und ich hoffe, dass schlussendlich jedem Gerechtigkeit widerfährt.
Was sind heute die größten Probleme in
Bhopal?
Ein Fünftel der 500.000 Menschen, die der Giftwolke ausgesetzt
waren, sind chronisch krank und haben körperliche oder seelische Leiden.
Zehntausende Kinder haben Wachstumsschäden, Hunderte Kinder kamen mit
Geburtsfehlern zur Welt, weil ihre Eltern mit dem Gift in Kontakt gerieten oder
weil das Grundwasser verseucht war. Über eine Fläche von 20 Quadratkilometern
sind das Grundwasser und der Boden verunreinigt - mit Chemikalien, die zu Krebs
und Geburtsfehlern führen und Lungen, Leber, Niere und Gehirn angreifen. Einige
dieser Giftstoffe sind in der Muttermilch von Frauen gefunden worden, die in
der Nähe der Fabrik und der Deponie leben, wo Zehntausende Tonnen chemischer
Abfälle lagern. Darüber hinaus ignoriert die indische Regierung die
Bedürfnisse der Menschen von Bhopal. Sie hat das vor neun Monaten abgegebene
Versprechen, eine Kommission für die Langzeit-Behandlung der Überlebenden
einzurichten, bisher nicht eingelöst. Und dann ist das größte
Konzern-Verbrechen der Menschheitsgeschichte (...) immer noch ungesühnt.
Warum haben Sie zum 25. Jahrestag von Bhopal eine Bustour
durch mehrere Länder unternommen?
Wir wollen den Menschen vermitteln, dass Bhopal nicht etwas ist,
was vor 25 Jahren passierte, sondern etwas, dass fortdauert. Und wir wollen
ihnen sagen, dass die Geschichte von Bhopal nicht nur eine von Bhopal ist,
sondern eine von Unternehmen, die von Gier und Profiten getrieben sind und
diese über das Leben von Menschen und die Umwelt stellen. Diese Bustour (www.bhopalbus.com)
ist ein einfacher Weg, um durch die verschiedensten Länder zu reisen und
Menschen zu treffen, die ähnliche Kämpfe austragen wie wir. Und dann wollen wir
noch Geld für die Sambhavna Klinik sammeln, die die von UNION CARBIDE
vergifteten Menschen umsonst behandelt.
Sie haben auch die BAYER-Anlage in
Institute besucht, das sogenannte "Schwester-Werk" von Bhopal, wo es
im August 2008 zu einer großen Explosion kam. Wie waren die Reaktionen?
Das war einer unserer seltenen Stopps
in den USA, wo wir einen anderen betroffenen Ort besuchten. Es war sehr bewegend und schockierend zu sehen, dass aus dem
Bhopal-Desaster nichts gelernt wurde. Festzustellen, wie dicht die Fabrik an
die Wohnsiedlungen heranreicht, hat uns alle sehr deprimiert. Sobald man in die
Stadt kommt, umfängt einen der Geruch von giftigen Chemikalien, der bleibt, bis
man die Stadt wieder verlässt. Bei den vielen Gesprächen, die ich führte, war
ich geschockt zu hören, wie sehr die von der BAYER-Anlage verursachten
Krankheiten der Frauen und Kinder den Krankheiten bei uns ähneln. Und wie in
Bhopal sind es die Armen und die Angehörigen von Minderheiten, die am meisten
leiden.
Was war der Grund dafür, auch den
BAYER-Stammsitz in Leverkusen aufzusuchen?
Einer unserer Hauptgründe, nach
Leverkusen zu kommen, war, die Leverkusener Bevölkerung und die
BAYER-Beschäftigten darüber zu informieren, was für Verbrechen BAYER in anderen
Ländern begeht. Wir wollten den Leuten in Leverkusen sagen, dass sich so etwas
wie in Bhopal nie wieder ereignen darf und dass niemand mehr so leiden sollte
wie die Menschen in Bhopal und Institute leiden.
Was müsste getan werden, damit so etwas
wie in Bhopal nie wieder passieren kann?
Die Individuen und Konzerne, die solche
Verbrechen begehen, müssten angemessen bestraft werden. Sie müssten wie
Kriminelle behandelt werden, so dass ein Tod durch ihre Gifte als Mord gilt.
Wenn wir zulassen, dass Unternehmen, die töten, vergiften und verletzen,
straffrei ausgehen, haben wir nur geringe Chancen, eine Wiederholung zu
verhindern. Zudem müsste dem Vorsorge-Prinzip mehr Geltung verschafft werden.
Und wir sollten fragen, ob eine Produktion solcher giftigen und für Mensch und
Umwelt gefährlichen Chemikalien wirklich nötig ist.

weitere Informationen:
· Aktion in Leverkusen: www.cbgnetwork.de/3121.html
· Artikel "Außer Kontrolle": www.jungewelt.de/2009/11-28/010.php?sstr=Bhopal
· Informationen zum BAYER-Werk Institute:
www.cbgnetwork.de/3052.html
· Aufruf "Bhopal Mahnt" (1994):
www.cbgnetwork.de/874.html
Coordination gegen BAYER-Gefahren
Tel 0211-333 911, Fax 0211-333 940
Fordern Sie per eMail kostenlos
weitere Informationen an.
Beirat
Prof. Dr. Jürgen Rochlitz, Chemiker,
ehem. MdB, Burgwald
Dr. Sigrid Müller, Pharmakologin,
Bremen
Prof. Dr. Anton Schneider, Baubiologe,
Neubeuern
Prof. Jürgen Junginger, Designer
(i.R.), Krefeld
Dr. Erika Abczynski, Kinderärztin,
Dormagen
Eva Bulling-Schröter, MdB, Berlin
Dr. Janis Schmelzer, Historiker,
Berlin
Wolfram Esche, Rechtsanwalt, Köln
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