Kraft für den
weiteren Kampf
Quelle:
WAZ - Süd vom 31.12.2008


Kraft für
den weiteren Kampf
31.12.2008 / Lokalausgabe
Großen Zulauf haben die
Versammlungen der Bürgerinitiative COntra Pipeline nach wie vor.
Foto: Archiv, Jürgen Metzendorf Von Martin Ahlers
Gern erinnern sich die Mitglieder der Initiative COntra Pipeline
an das Jahresende 2007. Da sorgte der Entscheid des
Oberverwaltungsgerichts Münster für Freude und Zuversicht in
ihren Reihen. Klar war da: Kohlenmonoxid würde vorerst nicht
durch die Leitung zwischen Uerdingen und Dormagen fließen, Bayer
und die Bezirksregierung mussten nachbessern bei der Begründung
zum Allgemeinwohl, der Trassenwahl und der Sicherheit der
umstrittenen Pipeline. Das war eine Schelte, sie haben
Schulaufgaben bekommen", nennt das Erich Hennen, der
Sprecher der BI.
Nach einem Jahr 2007 mit Aktionen und Demonstrationen kam 2008,
was erfahrene Streiter in Bürgerinitiativen fürchten die
Phasen des Stillstandes in solchen oft zähen Verfahren. In denen
es schwerfällt, Begeisterung aufrecht zu erhalten bei Sammlern
von Unterschriften und Mahnwachen-Teilnehmern.
Fast ist man versucht, das Bild
vom Stellungskrieg zu bemühen, in dem sich die Kontrahenten
eingraben in ihren Schützengräben. Hier der Konzern, der
betont, die Leitung sei sicher, dort die Gegner, die Enteignungen
ablehnen, den Verzicht auf den Transport verlangen und fordern,
CO nur am Ort des Verbrauchs zu produzieren.
Bewegung brachte Dr. Manfred Veenker, der das von der Stadt in
Auftrag gegebene Gutachten fertigte. Einen Experten aus der
Champions-League" zu finden, war schwer genug,
erinnert sich Hennen. Als der Name Bayer fiel, haben einige
abgewunken."
Auch der Fachmann aus Hannover sollte für die Pipeline-Gegner
ein durchaus schwieriger Partner werden. Wenn eine Leitung
nach den Spielregeln gebaut wird, ist sie sicher und kann auch
betrieben werden", war sein Credo mit Reibungspotenzial.
Immerhin: Veenker stellte fest, dass die Leitung an 50 Stellen im
Stadtgebiet nicht die Anforderungen der DIN ISO 16708 erfüllt.
Ein Bau nach den Vorgaben dieser Norm als Voraussetzung für eine
sehr sichere Leitung" hatte auch das TÜV-Gutachten
zum Planfeststellungsbeschluss genannt. Es gebe, bedauert Erich
Hennen, einen zentralen Fehler" im Gutachten: Es
fehlt der Hinweis, dass nach internationaler Erfahrung aus
Pipeline-Unglücken zu einem großen Prozentsatz die
Zerstörungen von oben erfolgten." Dennoch, letztlich
bewertet auch die BI Veenkers Ergebnis positiv. Weil die
DIN ISO 16708 nicht einbezogen wurde, hat sich das Risiko
vergrößert", betont Hennen. Wenn Veenker diese 50
Stellen nicht gefunden hätte, hätte es wohl schlecht
ausgesehen."
Dass Bayer jedenfalls öffentlich die Bedeutung des
Gutachtens herunterspielte, es überraschte nicht. Das gilt auch
für den Ergänzungsbeschluss zum
Planfeststellungsbeschluss" 85 Seiten und ein halbes
Dutzend Gutachten legte die Bezirksregierung Mitte Oktober vor,
um die Bedenken des OVG auszuräumen. Ärgste
Bedenken", sagt Erich Hennen, habe die BI zur Expertise des
Bochumger Wirtschaftsprofessors Helmut Karl, die das
Allgemeinwohl begründen soll. Wir werden das schon bald
mit einem Gegengutachten widerlegen."
Nun haben die Gerichte das Wort. Ob im Frühjahr das
Hauptverfahren vor dem Verwaltungsgericht Düsseldorf beginnt
oder Bayer zunächst versucht, mit einem Antrag auf sofortige
Vollziehung auf Grundlage des Ergänzungsbeschlusses eine
Betriebserlaubnis zu erreichen, steht noch nicht fest. Sicher ist
wohl, was Hennen in einem Weihnachtsgruß an die Mitglieder der
BI schreibt: Wir werden auch im kommenden Jahr viel Kraft
brauchen, um ungebrochen weiter zu kämpfen."